Breathe deep

21Juni2018

Hallo ihr Lieben,

kaum zu glauben, aber wahr – ich habe mich seit 2 Monaten nicht mehr auf meinem Blog gemeldet. Dabei ist hier doch so viel passiert und es hat sich einiges geändert, deshalb heute kein Post über irgendein besonderes Thema, sondern einfach um die letzten Monate, was passiert ist, welche Erfahrungen ich gemacht habe und wo ich so unterwegs war!

Also, wo fangen wir an?
Als Erstes vielleicht zu einer Änderung auf der Arbeit, die mir seeeeehr am Herzen liegt. Die, die mich kennen, wissen, dass ich schon immer gerne Yoga gemacht habe (auch wenn oft sehr unregelmäßig) und es total gefeiert habe. Also kam mir irgendwann die Idee: ‚Warum nicht auch Yoga mit den Kids?!‘ und da ich ja eh Fit4Life Gruppenleiterin bin, konnte ich es recht einfach etablieren. So fing ich an mit den Fit4Life Schülern nach der Stunde immer 20 Minuten Yoga zu machen. Den Kindern hat es total Spaß gemacht und ich hatte schon das Gefühl, dass sie dieses Bewusstsein für ihren Atem und die Intensität der Bewegungen wahrgenommen haben. Mit den Worten „And now give me your most beautiful smile. Have a great day” habe ich die Sequenz meistens beendet und das Lächeln der Kinder war einfach unbezahlbar. Nachdem meine Fit4Life-Kinder dieses Angebot so gut annahmen, wollte ich es weiter in die Gemeinschaft einbringen und so traf ich mich mit der Direktorin und fragte sie, ob es möglich sei, an der Grundschule Yoga zu „unterrichten“. Es war möglich und so gab es jeden Dienstag und Donnerstag Morgen eine 30-minütige Yoga Sequenz im Sonnenaufgang. Es ist einfach ein tolles Gefühl morgens noch ein bisschen verschlafen an die Schule zu radeln und von Kindern in Empfang genommen zu werden, die Bock haben morgens (vor der Schule!) Yoga zu machen. Matten habe ich übrigens gespendet bekommen und zwar einmal von Alan, einem Yogalehrer in Port Elizabeth, der unseren Kindern auch schon zwei professionelle Stunden gegeben hat und zum Anderen war Marius so lieb und hat mir Matten bestellt und zugeschickt. Ich bin einfach wahnsinnig stolz ein kleines, eigenes Projekt bei Masifunde zu haben, gerade, weil ich auch Yoga so toll finde und die Botschaft dahinter ganz wundervoll ist. Morgen ist der letzte Schultag und dann sind 3 Wochen Ferien. Da ich in den Ferien keine Gruppenstunden habe, werde ich ein Yoga-Ferien-Programm machen, wo ich 3 mal die Woche morgens in unserem Bildungszentrum eine Stunde geben werde. Ich bin schon super gespannt, wie viele kommen und freue mich total drauf!

„When you own your breathe no one can steal your peace“

        Breathe deep!    

Yoga am Strand :)

Zum Thema Yoga und “Leben” hatte ich auch letztens mit meiner besten Freundin Selina ein sehr interessantes Gespräch. Selli ist gerade auf ihrer Weltreise und hat mich letztens die Frage gestellt, was für mich Leben ist. Ich hab eeeecht lange darüber nachgedacht und mir ist aufgefallen, dass ich so eine richtige Definition nicht finden konnte. Leben ist Entscheidungen aus dem Herz raus treffen und das machen, was man in dem Moment für richtig hält, dann kann man es auch im nächsten Moment nicht bereuen, weil es einfach richtig ist/war. Das knüpft auch ganz gut an mein nächstes Thema an, nämlich mein Leben hier. Mir wird immer öfter bewusst, dass meine Zeit sich hier langsam aber sicher dem Ende zuneigt und irgendwie fällt es mir schwer, zu beschreiben, wie ich darüber denken soll. Zum Einen freue ich mich natürlich auf Deutschland, freue mich auf die neue Stadt, neue Leute und einfach auf was „Neues“, aber zum Anderen schießen mir Tränen in die Augen, wenn mich meine Fit4Life Kids nach 2 Wochen Urlaub empfangen, als wäre ich für immer weg gewesen. Ich realisiere, dass ich nur noch 5 Gruppenstunden mit meinen Schülern habe, dass ich allgemein nur noch 10 Wochen in PE habe und dass meine Freunde anfangen zu sagen „You’re leaving soon“. Ich glaube das Schlimmste für mich ist, dass ich weiß, dass es nie wieder so sein wird, wie es gerade war. Dass auch wenn ich vielleicht in 2 Jahren nochmal nach Port Elizabeth komme, alles anders sein wird. Dass meine Schüler dann teilweise schon mit der Schule fertig sind, dass manche Kollegen vielleicht nicht mehr bei Masifunde arbeiten, dass das Bildungszentrum dann vielleicht noch größer ist und es bei Masifunde andere Gruppen gibt. Aber es ist ja auch gut so. Das Leben braucht ja Veränderungen, sonst wäre es ja langweilig, aber manchmal will man es doch nicht richtig wahrhaben. Eine große Veränderung steht für mich auch in Deutschland an. Ich hab mich entschieden nach Aachen zu ziehen, um mein Abitur nachzuholen, da mich doch der Reiz packt, zu studieren. Also gehts am 28. August in den Flieger nach Deutschland und dann am 1. September direkt ins Auto nach Aachen, um umzuziehen. Verrückt, ich weiß! Aber ich glaube, dass es ganz gut ist, dass ich dann direkt beschäftigt bin, um nicht ins Fernweh zu verfallen, weil eins ist klar! Ich werde Südafrika, die Leute in diesem Land, Masifunde, meine Mitbewohner, meine Freunde, das Meer und die Kids im Township definitiv vermissen!

   

Nature's Valley im Juni       Sonnenaufgang mit Lenalein                Da bin ich mal ganz spontan von ner Brücke gesprungen!

  

 

 

 

Do you need a lift?

25April2018

 

Ihr Lieben,

Endlich traue ich mich an ein Thema, welches mich schon seit Anfang an hier in Südafrika sehr beschäftigt. Allerdings fand und finde ich es sehr schwer aufs Papier zu bringen, da es ein (für mich) sehr komplexes Thema ist. Seit Anfang an spürt man die Folgen der Apartheid noch fast jeden Tag, schwarz und weiß ist DAS Thema hier in Südafrika. Ich versuche es jetzt ein bisschen aus meiner Sicht zu erzählen. Bitte lest diesen Satz nochmal. Das Wichtigste aus diesem Satz ist das „aus meiner Sicht“. Mit den folgenden Erzählungen spiegel ich nur MEINE Gedanken wieder, nur das, was täglich in meinem Kopf rumschwirrt und jetzt endlich mal niedergeschrieben werden muss. Bevor ich einen Artikel nur über Fakten schreibe, dachte ich mir, ich erzähle von verschiedenen Situationen in meinem Leben hier in Südafrika. Situationen, in denen ich mich noch oft schwer tue oder Situationen, in denen ich die Regenbogennation schwer hinterfrage.

 

Montag 14:30 Uhr
Nach einem Vormittag im Masifunde-Büro steht für mich meine Gruppenstunde im Township an. Ich packe also meinen Rucksack, schnappe mir mein Fahrrad und mache mich auf den Weg ins Township, welches vom Büro mit dem Fahrrad 5 Minuten entfernt ist. Ich kämpfe mich den kleinen Berg hoch, hinter mir hat sich eine Schlange von Autos gebildet. Ich quäle mich gegen den Wind, versuche schneller zu fahren. Autos kommen mir entgegen. Ein weißes Kind, welches noch ihre Schuluniform anhat, sieht mich bemitleidend an. „Ja, du brauchst gar nicht so blöd gucken, du wirst ja immer von Taxi Papa abgeholt“ geht mir durch den Kopf, weil ich genervt von dem starken Wind bin, der mir entgegen kommt. Nachdem ich den Berg endlich geschafft habe und links Richtung Township abbiege, sehe ich die entsetzten Blicke der weißen Mamis und Papis im Auto an der Kreuzung, die unser Suburb und das Township trennt. Ich lächle sie an und fahre ins Township, wo mir einige der Masifundekids strahlend entgegen kommen und zuwinken. Ich fühle mich irgendwie direkt wieder wohl und versuche mich nicht darüber aufzuregen, dass die weiße Bevölkerung einen doof ansieht, wenn man sich ins „gefährliche“ Township traut. Ich würde behaupten 80 % der weißen Bevölkerung Südafrikas ist noch nie in einem Township gewesen, klar wieso denn auch, ich würde in Deutschland auch nicht unbedingt in Viertel gehen, in denen es heißt, dass es nicht all zu sicher wäre, aber ich urteile auch nicht darüber.

 

Dienstag 17:00 Uhr
Ich renne fröhlich nach einer guten Stunde im Gym, in dem natürlich 95% der Menschen weiß sind, die Treppen hinunter und mache mich auf den Weg nachhause. Vom Gym nachhause sind es knapp 10 Minuten durch Walmer, dem Suburb, in dem ich wohne. Ich persönlich fühle mich hier tagsüber nie unsicher, weswegen ich um diese Uhrzeit natürlich die paar Meter noch nachhause laufe. Warum sollte ich mich auch ein Uber holen? Für die 25 Rand kann ich mir am nächsten Tag was zu essen kaufen. Ich laufe die Straße runter, als plötzlich ein Auto neben mir hält. Ein weißer, junger Mann sitzt drinnen und kurbelt das Fenster hinunter. „Hey Girl, what are you doing?“ Verwundert sage ich ihm „I’m going home. Why?” Noch verwunderter fragt er mich, ob ich verrückt sei und ob er mich nicht lieber nachhause fahren soll. „What the fuck“ denke ich mir und lehne dankend ab. Warum sollte ich die 5 Meter jetzt irgendwo mitfahren, wenn ich mich nicht unsicher fühle. Aber das sind die ‚Weißen‘ hier. 700 Meter zum Supermarkt fährt man natürlich mit seinem dicken Auto, wozu auch?

 

Mittwoch, 17:35 Uhr
„Hey Kira, good to see you. How are you” begrüßt mich Dave, mein Yogalehrer. Seit ein paar Wochen gehe ich in ein sehr kleines Yogastudio direkt um die Ecke jeden Mittwoch für 90 Minuten zum Yoga. Als einziges Mädchen bin ich gemeinsam mit 5 etwas älteren, weißen Männern in der Stunde, was mir sehr viel Spaß macht. Sie sind wirklich alle super lieb und das Yoga tut mir mega gut. Als wir die Schlussentspannung machen und David anfängt uns vorzusummen „Lasst all den Frust raus, die Probleme los und entspannt euch“ versuche ich natürlich in erster Linie zu entspannen, ertappe mich aber dabei, wie ich schon wieder ein ungutes Gefühl bekomme. 500 Meter weiter richtung Strand befindet sich das Township. Dort wo die Leute meiner Meinung nach WIRKLICHE Probleme haben, dort wo die Leute teilweise zu 10. in einem Haus, das so groß ist, wie mein Zimmer, leben. Dort, wo die Menschen teilweise kein fließend Wasser oder keinen Strom haben. Dort sind die Probleme. Warum wacht die Regierung nicht endlich mal richtig auf und versucht einen Schritt dagegen zu unternehmen. Es gäbe so viele Möglichkeiten. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich bei Masifunde arbeite. Eine NGO ist eine der vielen Möglichkeiten, diesen Menschen zu helfen!

 

Samstag, 15:20 Uhr
Mein Handy klingelt, ich blicke auf den Display und lese „Manelisi“. Mein südafrikanischer Freund und Arbeitskollege ruft an, ich grinse und hebe ab. „Hey, you wanna go for a run? I’ll be at your place in 20 minutes! See you then. Sharp” Gespräch beendet, 20 Minuten steht er in Sportklamotten vor meiner Haustür und wir laufen an diesem sonnigen Nachmittag durch unser weißes Suburb Walmer. Manelisi stöhnt auf, als ein Auto vorbei fährt und der Fahrer (weiß, obvious) ihn mal wieder böse anschaut. Sind multiracial Beziehungen immer noch so etwas komisches? Warum schauen Leute, die in einer sogenannten „Regenbogennation“ leben, einen immer noch komisch an, wenn man als Weiße was mit einem Schwarzen macht und umgekehrt. Sollte es nicht nach 20 Jahren eigentlich normal sein? Sowas nennt sich Regenbogennation. Wow...

 

Ich könnte noch viele Situationen aufschreiben, in denen ich die Regenbogennation hinterfrage. Natürlich gibt es IMMER Ausnahmen. Es gibt hier tolerante Menschen, es gibt hier Freundschaften zwischen Schwarz & weiß. Es gibt hier Orte, an denen es ausgeglichen ist, an denen schwarz und weiß sehr friedlich auf engem Raum sind. Aber leider gibt es zu viele Orte, wo nur Weiße sind und sich von Schwarzen bedienen lassen.
In meinen Situationen, die ich geschildert habe, klingt es vielleicht doll danach, dass nur die Weißen hier rassistisch sind oder whatever. Natürlich auch das nicht. Natürlich rufen mich im Township auch manchmal welche „Umlungu (xhosa für Weiße/NichtafrikanerIn) und natürlich habe ich auch schon Sätze wie „F*ck you Umlungu!“ gehört, nur leider haben sich bei mir die Situationen gehäuft, in denen ich es von weißen Südafrikanern mitbekommen habe.
Ein super schwieriges Thema, das ich versucht habe niederzuschreiben. Ich würde es mir so sehr wünschen, dass Südafrika eine wirkliche Regenbogennation wird. Mittlerweile glaube ich, dass das in manchen Gebieten besser klappen wird, in manchen schlechter. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie und ob sich Südafrika in den nächsten Jahren entwickelt!

Eine geborgene Umarmung am Flughafen

11April2018

10.April 2017 18:57 Uhr

Ich steige aus dem Flugzeug, betrete den Boden von Port Elizabeth und kriege einen kurzen Moment Gänsehaut. Nach einem Monat Besuch bin ich nun wieder alleine, entfernt von meinen Liebsten. Am 10. März habe ich voller Vorfreude und ein klein bisschen Verspätung meine liebe Mama am Flughafen in Port Elizabeth empfangen. Überwältigt und überglücklich hatten wir einen wunderschönen ersten gemeinsamen Nachmittag, den wir mit ausgiebigen Spaziergängen (was auch sonst) und leckerem Kaffee und vielen Gesprächen verbrachten. Es war ein so verbundenes Gefühl und alles war wie es eben sein sollte. Wir hatten ein paar schöne Tage hier bei mir in PE, haben den Addo Elephant Park mit Lena und Philipp unsicher gemacht und haben die Mutter-Tochter-Zeit in vollsten Zügen ausgekostet, bevor wir dann am 15.März in den Flieger nach Kapstadt stiegen, um erst noch einen Nachmittag in der Mother City zu verbringen und dann einen Tag später mit dem kompletten SageNet Jahrgang nach Wortelgat zu fahren, um unser Zwischenseminar zu haben. Mama hat sich dort in einer schönen Hütte eingelebt und trotz Seminar konnte ich morgens und abends mit ihr Zeit verbringen, quatschen und einfach nur die Ruhe und Zweisamkeit genießen. Nach 5 Tagen wunderbarem Seminar, bei dem der ganze Jahrgang zusammen gekommen war und verschiedene Themen wie Rassismus, Reflektion, Erwartungen und Motivation behandelt wurden, ging es dann mit Mama zurück nach Port Elizabeth, da am Tag darauf schon der nächste Besuch anstand: Marius nahm die Reise nach Südafrika ein zweites Mal auf sich, worauf ich mich ebenfalls wahnsinnig freute. Das Wiedersehen am Flughafen war mindestens genauso emotional wie die unendlich vielen Abschiede, die wir immer und immer wieder hatten. So hatte ich für einen Abend Mama und Marius bei mir, was für mich eins der schönsten Geschenke war. Wir gingen gemeinsam mit Lena und Jan essen und hatten viel zu erzählen. Irgendwie war das ein so vertrautes Gefühl und wir hatten einen wunderschönen Abend. Am Freitag brachten Marius und ich Mama zum Flughafen und so mussten wir wieder auf bestimmte Zeit ´Tschüss´sagen. Besuche sind zwar wahnsinnig schön, aber die Abschiede sind jedes Mal wieder schwierig, auch wenn man weiß, dass es dieses Mal für nicht all zu lang ist, so tuts irgendwie jedes Mal aufs Neue weh. Gleichzeitig freute ich mich aber natürlich auch auf die Zeit zu Zweit mit Marius, die wir zu einer wirklich Schönen machten. Mit Surfwochenende in Jeffrey’s Bay, Wandern in Hogsback, Reiten in Chintsa und Entdecken von Johannesburg war alles dabei und alles in Allem war es großartig. Und jetzt. Jetzt nach 1 Monat sitze ich hier wieder alleine. Natürlich habe ich meine liebsten Mitbewohner, die das Gleiche gerade haben, da auch sie Besuche hatten und natürlich heitern wir uns gegenseitig auf, aber trotzdem fühlt es sich komisch an. Manchmal frage ich mich, ob es nicht einfacher ist, keinen Besuch zu bekommen. Ein einziges Mal nur Tschüss sagen ist vielleicht leichter. Andererseits ist ein „Willkommen in meinem neuen Zuhause“ ein bewältigendes Gefühl, dass ich nicht missen möchte.

Marius, Mama und auch Janine und Maxi, die im Februar schon hier waren: Vielen Dank, dass ihr den Weg auf euch genommen habt, in den Flieger gestiegen seid (ich weiß es sehr zu schätzen, Mama) und mich besuchen gekommen seid. Ihr habt mir mal wieder bewiesen, was für großartige Menschen ihr seid. Ihr habt mir hier wahnsinnig viel Kraft gegeben und ich bin froh euch zu haben. Das Wissen euch in knapp 5 Monaten wieder öfter zu sehen ist unbeschreiblich und auch wenn ich den Abschied von Südafrika fürchte, freue ich mich darauf!

Ihr seid mein Ursprung, mein Vertrauen, meine Insel und mein Schatz. Mein Mund formt euer Lachen, mein Herz schlägt euren Takt

.

365 von 7426 Tagen

20Feb2018

Sag mal, hast du damals auch so oft in Wochen und Monaten gedacht? Hast du unterbewusst auch die Tage mitgezählt?“ frage ich meine Cousine bei einem Skype von Südafrika nach Eversen. „Mh.. ja ich glaube schon. Ich denke das ist normal“ bekomme ich als Antwort und nehme es einfach mal so hin. Nachdem wir auflegen, denke ich darüber nach, wie lange es her ist, dass ich sie gesehen habe und ertappe mich selber schon wieder dabei, in Monaten und Wochen zu denken.

Dass Gedanken, wie „Boah schon 3 Monate seit dem Summercamp“, „Nur noch 6 Monate, dann geht es schon wieder heim“ fast täglich in meinem Kopf rumschwirren, ist für mich mittlerweile normal, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Und dann hinterfrage ich, wie es wohl zu diesen Gedanken andauernd kommt? Bin ich unglücklich? Ist es falsch, die Wochen zu zählen, die man schon in einem anderen Land verbringt? Ich beantworte mir die Fragen selber mit Nein und denke darüber nach, woher es dann kommen kann.
Ich verbringe genau 12 Monate in einem anderen Land. Genau 365 Tage, genau 52 Wochen, Ich weiß genau, wann ich Deutschland verlassen habe und ich weiß genau, wann ich wieder in Deutschland ankommen werde. Wann in meinem Leben ist eine Zeit so unglaublich ENDLICH? So gut wie nie. Als ich meine Ausbildung in München angefangen habe, wusste ich auch, dass sie 3 Jahre dauern wird, aber ich wusste ja nicht, was ich danach machen werde. Es hätte ja auch gut passieren können, dass ich weiterhin bei meinem Ausbildungsbetrieb arbeite und weiterhin in München lebe, aber hier weiß ich ganz genau, dass ich nach einem Jahr wiederkommen werde. Klar, ich könnte meinen Freiwilligendienst verlängern, aber das hätte ich jetzt schon entscheiden müssen und das kam für mich einfach nicht in Frage, weil ich nach meinem Jahr studieren möchte.
Was ich damit sagen möchte ist, dass es noch nie in meinem Leben vorkam, dass meine Zeit quasi so begrenzt war. Ich lebe auf diesem Planeten seit genau 7426 Tagen. Wenn man sich dann mein soziales Jahr in Tagen errechnen lässt, sind das gerade mal 365 Tage, was gerade mal 4,9% meines bisherigen Lebens sind. 1 Jahr klingt verdammt lange, aber wenn ich es auf mein ganzes, bisheriges Leben errechne, ist es so gut wie nichts. Dennoch habe ich die Möglichkeit knapp 5% meines (bisherigen) Lebens auf einem anderen Kontinent zu leben, ich habe das Meer vor der Nase und lebe komplett auf mich alleine gestellt. Es bringt doch nichts, sich unnötig Gedanken darum zu machen, wie wahnsinnig man zuhause vermisst, wenn ich daran denke, dass ich die anderen 95% meine Familie und Freunde immer in unmittelbarer Nähe hatte.

Warum ich diesen Artikel schreibe? Weil ich merke, dass die Zeit verdammt schnell rum geht und ich mir vielleicht eingestehe, dass ich die ersten paar Monate noch gar nicht so richtig genutzt habe und dass ich mir fest vornehme, in den nächsten 6 Monaten das Beste aus Allem rauszuholen. Die Gedanken, dass ich in 6 Monaten dieses Land wieder verlassen muss, lässt mich zusammenzucken und macht mich ein wenig traurig. Wann bekomme ich nochmal die Möglichkeit so „tief“ in eine andere Kultur eintauchen zu können? Wann bekomme ich nochmal die Möglichkeit mir vor meinen Schülern isiXhosa beibringen zu lassen? Ich weiß nicht, wie oft ich noch die Möglichkeit haben werde, in einem anderen Land zu leben. Ich weiß nicht, ob es mir nochmal ermöglicht wird, jeden Tag mit den Fahrrad an den Strand fahren zu können, einfach weil man es eben kann. Mir wird erzählt, dass in dem Township, in dem ich arbeite viele Kinder vielleicht erst 3 mal in ihrem Leben am Strand waren und das obwohl er nur 20 Minuten weg ist, die Eltern haben jedoch kein Geld für Transport an den Strand. Sie brauchen das Geld für Essen oder Anderes. Transport zum Strand kostet pro Person knapp 22 Rand, was ungefähr 1,50 € sind.
Bei meinem (nicht seltenen) Cafébesuch überkommt mich das schlechte Gewissen, weil ich ganz genau weiß, dass sich andere Menschen in diesem Land nicht einfach mal einen Kaffee für 30 Rand kaufen können. Ich habe die finanziellen Mittel und könnte es, wenn ich wollte, jeden Tag machen. Wieder überkommt mich diese Wut über die Ungerechtigkeit im Land und wieder frage ich mich, ob es sich jemals ändern kann. Den Rassismus spürt man hier jeden Tag, die Folgen der Apartheid sind noch immer zu sehen. Südafrika ist so ein vielfältiges Land, es hat so viel Potenzial. Zuma’s Rücktritt ist auf jeden Fall schon ein Schritt auf den richtigen Weg und ich hoffe, dass sich die Situation in und für Südafrika bald ändern wird.

Vielleicht gibt es in 2 Wochen nochmal einen ausführlicheren Bericht über meine erste Hälfte, momentan bin ich im Projekt ein bisschen eingespannt und am Donnerstag geht es für mich erstmal für ein längeres Wochenende nach Kapstadt. Ihr könnt euch aber sicher sein, dass ihr bald wieder was von mir hört!

Bis dahin, haltet die Ohren steif & freut euch auf den Frühling!
Eure Kira <3

'You can't stop the waves, but you can learn how to surf'

30Jan2018

Hallo ihr Liebsten!

Nachdem ihr die Überschrift gelesen habt, habt ihr vielleicht jetzt die verschiedensten Erwartungen an diesen Blogeintrag. Einige, die sich vielleicht erhofft haben, dass ich hier jetzt einen Artikel über irgendwelche Surfskills oder Surfübungen schreibe, muss ich leider enttäuschen. In diesem Beitrag werde ich nicht primär um das Surfen schreiben. In diesem Artikel möchte ich dieses Zitat zelebrieren. 
Seit ich angefangen habe, mich abends mit Kalligrafie zu beschäftigen, habe ich natürlich Zitate gesucht, die ich schreiben kann. Da bin ich auf diesen Satz gestoßen und irgendwie haben mich diese 12 Wörter extrem zum Nachdenken angeregt. 


"Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen, wie man auf ihnen surft".

Es stimmt, ich kann manche Dinge hier nicht ändern, aber ich kann lernen sie zu akzeptieren und wenn man erst mal etwas akzeptiert hat, kann man vielleicht sogar genau an diesen Sachen Gefallen finden. 
Ich merke, dass es mich um einiges glücklicher macht, wenn ich die Sachen einfach so hinnehme und wenn ich versuche in vielen Sachen das Positive zu sehen, Denn egal was es ist, egal wie blöd dein Tag vielleicht war, es gibt immer einen Moment in deinem Tag, der gut war. Und wenn es nur ein Lächeln war, dass dir jemand geschenkt hat. Oder der Kaffee am Morgen. Oder das Spazierengehen in der Sonne. Es gibt kleine Momente im Leben, die wir absolut nicht wertschätzen, die uns aber unglaublich viel geben. 
Ich habe gelernt Sachen zu akzeptieren, die mich davor vielleicht "genervt" haben, plötzlich finde ich Gefallen daran. Der Wind zum Beispiel. Den Wind fand ich anfangs ganz schrecklich, mittlerweile bin ich froh, wenn Wind hier ist, weil sonst nämlich viel zu viele Mücken kommen. Die Database, die ich hier betreuen und erarbeiten muss, fand ich anfangs auch unglaublich komplex und dachte "Wie zur Hölle soll ich das jeee verstehen?" Mittlerweile bin ich irgendwie dankbar dafür, dass ich auch solche Sachen lerne. Vor Skypemeetings mit dem Programmierer, der in meinen Augen unfassbar schnelles Englisch redet, hatte ich immer ziemlich Angst. Jetzt sehe ich diese 20 Minuten als Chance, mein Englisch zu verbessern. 

Es sind die kleinen Dinge, in denen man die Chancen für einen selbst sehen muss und schwups ist das Leben doch schon viel einfacher! :) 

Momentan muss ich sagen, bin ich unglaublich glücklich. Ein Grund dafür ist glaube ich das Meer, an das ich momentan mindestens 3 mal die Woche mit meinem Fahrrad fahre. Das endlose Meer ist für mich momentan ein Ort der Energie. Ein Ort, an dem ich nachdenken kann. Ein Ort, an dem ich frei und unabhängig bin. Ein Ort, der mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert und der mir Gedanken wie "Wie wundervoll, dass ich noch 7 Monate hier sein darf" bereitet. Ich merke, dass ich unfassbar dankbar bin, dass ich hier bin. Und dass ich das die letzten 5 Monate gar nicht so richtig realisiert habe. Vielleicht bin ich ja auch jetzt erst richtig angekommen, wer weiß. Aufjeden Fall gehe ich in die nächsten Monate mit sehr viel positiver Energie, sehr viel Optimismus und ziemlicher Vorfreude.

Sommerliche, liebe Grüße,

eure Kira

 

PS: Um auch Bezug auf's Surfen zu nehmen, seit einer Woche gehe ich regelmäßig mit einem Arbeitskollegen in die Wellen und probiere mich beim Surfen. Klappt.. mehr oder weniger :)

Inkcubeko ekhethekileyo (Eine besondere Kultur)

10Jan2018

Hallo ihr Lieben,
erstmal noch ein frohes neues Jahr! Ich hoffe ihr seid alle gut reingekommen! Da ich mit meinen Mitfreiwilligen unterwegs war und nach der Reise im November irgendwie auch nicht dazu kam, einen Blog zu schreiben, kommt schon jetzt der Nächste!
Ich möchte euch heute von 2 Tagen erzählen. Tage, an denen ich die Xhosa-Kultur kennengelernt habe. Aber lest selbst.

Kirche
'Hoffentlich ist der Rock lang genug' denke ich, als Leah und ich an einem Sonntagmorgen zum Taxirank ins Walmer Township rennen. Wir waren viel zu spät dran, dachten wir zumindest. Als wir nämlich dann am Taxirank ankamen, um uns dort mit unserer Arbeitskollegin trafen, die uns mit in die Kirche nahm, kam sie ganz entspannt im Schlafanzug angetrottet. Bei ihr zuhause legte sie dann ihre Uniform für die Kirche an. Für sie stand nämlich ein besonderer Tag an. Sie und noch andere aus ihrer Kirche wurden quasi offiziell in die Gemeinschaft eingeschlossen. Nachdem sie sich angezogen hatte, sind wir noch ein paar Straßen weiter gelaufen, bis wir an einer sehr großen Wellblechhütte ankamen, in der die Kirche stattfand. Als wir die Hütte betraten, sollten wir uns erstmal bei jedem einzeln vorstellen. So ging ich zu jeder Frau, gab ihr die Hand "Molo, my name is Kira. I am a german colleague from Nonie." Überrascht und erfreut darüber, dass deutsche Kollegen mit in ihre kleine Kirchengemeinschaft kamen, integrierten die Damen uns sehr schnell und wir durften im hinteren Bereich Platz nehmen. Anders als in Deutschland trugen die Damen und auch Herren, die allerdings erst eintraten, wenn alle Platz genommen haben, Kirchenuniformen. Schnell merkte ich, dass ich diesen Gottesdienst in keiner Weise mit einem Gottesdienst in Deutschland vergleichen kann. Einen richtigen Ablauf konnte man nicht erkennen, da gefühlt alle 3 Minuten eine Dame ein Lied anstimmte, dazu tanzten sie vorne im Kreis und jedes Kirchenmitglied hatte ein kleines Lederkissen, worauf sie den Takt schlugen. Auch Leah und ich bekamen ein solches Kissen in die Hand gedrückt. Ich war überfordert, schaute auf die Hände der Anderen, klatschte trotzdem oft falsch. Sie gaben uns ein Zeichen mit in den Kreis zu kommen und zu tanzen. Ich fühlte mich total wohl und überfordert gleichzeitig. Als zum Gebet aufgerufen wurde, kniete sich die Gemeinde auf den Boden und jeder fang für sich an zu beten. Nicht leise, wie man es aus Deutschland kennt. Ein wildes Getummel aus Xhosa-Wörtern, die ich nicht kenne, ein lautes Geflehe. Es kam mir vor, als würden sie Gott anflehen, ihm alles erzählen. Ich bekomme Gänsehaut, als ich sehe, dass Nonie sogar weint. Mir wird bewusst, wie wichtig ihnen ihr Glaube ist. Was mir auch bewusst wird ist, wie besonders es für sie war, dass Leah und ich ihre Gäste waren. Der Priester betet ein Gebet für uns, sie singen extra ein englisches Lied für uns, interessieren sich für uns und machen nach dem Gottesdienst Bilder mit uns. Nonie erzählt uns, dass wir die ersten Weißen in ihrer Kirche sind.
Nach dem vierstündigen Gottesdienst und einem anschließenden Mittagessen gehen Leah und ich sprachlos, überwältigt, müde, mit leichten Kopfschmerzen und voller Freude nachhause.

Initiation Ceremony
In der Xhosa Kultur ist es bei den männlichen Jugendlichen noch üblich, dass sie sobald sie 18 Jahre alt sind, für 4 Wochen in den Busch gehen und beschnitten werden. Wenn sie nicht in den Busch gehen, sind sie in ihrer Kultur nicht als Mann angesehen. Wenn sie nach 4 Wochen wiederkommen, wird das Wiederkommen groß gefeiert, bei der Initiation Ceremony. So kam es, dass wir am 23.12. auf solch eine eingeladen wurden.
Nach großer Frage, was wir anziehen sollten, welche Geschenke wir mitbringen sollten und allgemein voller Aufregung, saßen wir zu 7. in unserem Chico und machten uns auf dem Weg ins Township. Angekommen am Haus der Tante wurden wir tanzend begrüßt. Die Männer saßen draussen im Garten und tranken Bier und unterhielten sich. Wir Frauen tanzten ins Haus. In der Mitte des Kreises stand ein Krug mit einem Getränk, welches eine bräunliche Farbe hatte. Schon vorher wurde mir erzählt, dass man bei solch einer Ceremony traditionell gebrautes Bier trinkt, welches scheinbar nicht all zu lecker sein sollte. Schon beim Anblick wusste ich, dass diese These bestätigt werden würde. Nachdem wir im Kreis getanzt haben, mussten wir uns bei der Gemeinschaft vorstellen, wer wir sind und woher wir kommen. Danach legten wir unsere Geschenke, die meist aus neuen Anziehsachen oder Handtüchern, sowie Alkohol bestanden, in einen Kreis. Die Anziehsachen schenkt man deshalb, weil der "Initiate" (der Junge, der im Busch war) vor seiner Ausreise alle seine Anziehsachen und sein Hab und Gut wegbringt, da er nach der Zeit quasi neu als Mann anfängt. Nachdem wir die Geschenke gebracht haben, führte Nonie uns in eine kleine Hütte neben dem Haus. Sie sagte uns, dass der Initiate hier den ganzen Tag an seiner Ankunft sitzen würde. In dieser Hütte würde er auch schlafen, wir dürfen reingehen und ihn grüßen. Als ich das Haus betrat, schreckte ich kurz zurück. In der Ecke saß der Junge, nur mit einer Decke bekleidet und roter Farbe im Gesicht. Um ihn rum all seine Freunde und Cousins. Aufgeregt ging ich auf ihn zu, nicht genau wissend, was ich sagen sollte. Ich reichte ihm die Hand, worauf hin er mir einen langen Stab reichte. Ich fragte ihn, wie es ihm geht und sagte ihm, dass ich aus Deutschland sei. Er antwortete, dass es ihm gut ginge und er froh ist, dass wir hier sind. Überfordert ging ich aus der Hütte. Dieser Junge sieht doch nicht glücklich aus, das müssen doch schreckliche Wochen gewesen sein. Draussen warteten schon die Frauen auf uns, um mit uns zu trinken und sich zu unterhalten. Alle paar Minuten wird der Krug mit dem gebrauten Bier rumgereicht. Ich setze den Krug an und nehme einen kleinen Schluck. Der bittere Nachgeschmack lässt mich zusammen zucken.

 

Meine Mitfreiwilligen et moi          

     

Auf dieser Seite werden lediglich die 6 neuesten Blogeinträge angezeigt. Ältere Einträge können über das Archiv auf der rechten Seite dieses Blogs aufgerufen werden.